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Kostproben
Kleine Textform – großes Vergnügen! "Das Erste" und "Das Letzte" – so heißen die Kommentar-Rubriken in "Betrifft: BBS – Nachrichten für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Sie bieten dem Autor zwar oft nur wenig Platz, doch kann er abseits der Pflicht zur Berichterstattung mit viel Freiheit ein Erlebnis, eine Beobachtung oder eine Bewertung pointiert zum Besten zu geben.
Hier einige Kostproben:
Für das allein es sich lohnt. Für eine Dauer von zehn Jahren Erst Auszeit, dann volle Zeit. Konzentration mit Hund. Barfuß übers Gras. Wir haben einen Hund.
Für das allein es sich lohnt.
Kennen Sie das auch, dass man eine bestimmte Formulierung so sehr als seine eigene empfindet, dass man zutiefst verwundert, ja sogar irritiert ist, wenn man sie von einem anderen Menschen hört oder liest? So erging es mir bei der Lektüre eines Artikels in der Frankfurter Rundschau zum fünfzigsten Todestag von Oliver Hardy, dem „Dick“ von „Dick und Doof“. Dort hieß es, dass allein für den Kurzfilm, in dem „Stan und Ollie“ ein Klavier in einer Holzkiste eine endlos lange Treppe hinaufzuwuchten versuchen, es sich zu leben lohne. Das ist auch mein Satz, dass es Kleinode gibt, die ausreichend Grund liefern, auf die Welt zu kommen, Kleinode, für die allein es sich zu leben lohnt.
Das erste Mal, dass ich diesen Satz dachte, war an einem kalten Frühlingsabend in der Toskana, abseits der Route von Siena nach Grosseto. Der Mond stand unvollständig am Himmel, die dunkelsilbern glänzende Landschaft erschien mir wie eine weit geöffnete Hand, die mich trägt und trägt. Ich lief auf dem mit Oliven- und Birnenbäumen umgrenzten Platz vor unserem Ferienhäuschen langsam auf und ab, und rauchte eine Zigarre. So brachte ich den Tag gern zu einem guten Ende. Durch eines der Fenster sah ich meine Frau, die in einem Buch las. Über den Discman hörte ich Johann Sebastian Bachs Motette „Singet dem Herrn ein neues Lied“ in einer Aufnahme aus dem Jahr 1980 von Nicolaus Harnoncourt mit dem Bachchor Stockholm und dem Concentus musicus Wien. (Ich weiß noch, dass ich damals nur irgendeine Chormusik von Bach haben wollte, und der Name Harnoncourt die Kaufentscheidung welche bestimmte.) Schon ungezählte Male hatte ich Bachs Motette gehört, eine Musik von unglaublicher Schönheit, eine Musik, die Menschen in ihrem Singen und Hören dazu befähigt, etwas auszudrücken und wahrzunehmen, das größer ist als sie. An diesem Abend ergriff mich „Singet dem Herrn ein neues Lied“ auf ganz eigentümliche Weise. Ich fühlte mich wund und stark zugleich. Und als dann der Bass die Schlussfuge „Alles was Odem hat, lobe den Herren“ mit diesem fast kindhaft wiederholten „A“ von „Alles“ anstimmt und ihm Tenor, Alt und Sopran mit schier atemloser Eindringlichkeit folgen, da erfasste mich ein alles durchdringender Schauder und ich dachte, allein dafür, diese Musik zu hören, lohnt es sich auf die Welt zu kommen.
Kennen Sie auch ein Kleinod, für das allein es sich zu leben lohnt?
Christoph Baumanns
Kommentar "Das Erste", Betrifft: BBS (mehr zum Auftrag ...)
Für eine Dauer von zehn Jahren.
Einer meiner Nachbarn will sein Haus verkaufen. „Dafür gebe ich mir zehn Jahre Zeit“„ sagte er, als wir uns beim Hunde-Spaziergang trafen und ins Plaudern gerieten. Ich war völlig verblüfft, weil ich sofort merkte, wie fremd es mir geworden war, in solchen Zeiträumen zu denken. Auch hatte ich lange nicht mehr geübt, mir für etwas bewusst mehr Zeit zu nehmen als in den Kategorien der Zielstrebigkeit notwendig wäre. Die Dauer als Ausweis von Qualität, der lange Atem, den man braucht, um etwas wachsen lassen zu können, die Möglichkeit, dass aus Erlebnissen und Begegnungen Erfahrungen werden können, die Ruhe, die eine gute Entscheidung braucht – all das ist in unserer auf Effektivität und Kosten-Nutzen reduzierten Gegenwart unmodern geworden: Betrifft: BBS im zwölften Jahr, sieben Mitarbeiter/-innen, die 15 Jahre für die BBS arbeiten, und 4, die das bereits ein viertel Jahrhundert tun, und die 30 Jahre, die die BBS im neuen Jahr alt wird: Fassen wir also ein wenig Mut und lassen uns von der Kleinteiligkeit all der hektischen Ereignisse nicht verrückt machen. Richten wir unseren Blick immer wieder auf die großen Zeiträume, dann bekommen wir ein paar Chancen mehr zu sehen, wie großzügig das Leben sein kann.
Christoph Baumanns
Kommentar "Das Erste", Betrifft: BBS (mehr zum Auftrag ...)
Erst Auszeit, dann volle Zeit.
Das hier ist aber auch wirklich das Letzte, das ich vor meinem Urlaub für die BBS schreibe. Was musste ich mir in den letzten zwei Monaten nicht alles anhören: „Wie, Du hast noch keinen Urlaub? - Du arme S...! - Wir sind diesmal sechs Wochen weg! - Das muss echt hart sein, bei der Hitze am Computer Texte zu schreiben." Ich habe mich von Mitleid und Angeberei nicht provozieren lassen. Und langsam, ganz langsam drehte sich der Spieß um: „Oh du Glücklicher, du kannst jetzt Urlaub machen. – Ich würde auch so gern noch mal verreisen! – Der Neid frisst mich." Verstehe ich, aber ohne eine echte Auszeit kann ich nicht mehr in die Vollen gehen. Also, machen Sie’s gut, ich bin weg (bis zur nächsten Ausgabe;-).
Christoph Baumanns
Kommentar "Das Erste", Betrifft: BBS (mehr zum Auftrag ...)
Konzentration mit Hund.
Ich muss noch einmal auf meinen Hund zu sprechen kommen. Er war hier zwar schon Thema (siehe unten), aber jetzt ist mir zum wiederholten Male etwas ganz Verrücktes aufgefallen. Interessiert?
Also: Seit einigen Wochen läuft mir mein Hund beim Spazierengehen immer davon. Das heißt, er läuft nicht eigentlich davon, sondern er verschwindet aus meinem Blickfeld.
Wenn ich spazierengehe, nehme ich gern einen bestimmten Gedanken mit an die frische Luft, um parallel zu meiner monotonen körperlichen Bewegung – nämlich Schritt für Schritt auf wohlvertrauten Wegen – die Oberfläche dieses einen Gedankens zu ermessen, seine Tiefe auszuloten, die Felder, die er nicht selbst besetzt, an die er aber grenzt oder die er gar zugänglich macht, zu erforschen, sein Für und Wider zu erwägen, ihn schließlich aus guten Gründen abzutun oder ihn in seiner ganzen Kraft und Fülle mit nach Hause zu nehmen. So konzentriert denke ich vor mich hin und plötzlich denke ich: "Halt, wo ist denn mein Hund?" Dann hebe ich meinen Kopf aus dem Gedankenfluss, sehe mich um und tatsächlich: der Hund ist weg. Für einen kurzen Moment ergreift mich eine Verzweiflung, die sogleich zu wachsen beginnt. Ich pfeife, ich rufe, aber da kommt der Hund gottseidank auch schon um die letzte Kurve geschossen, jagt von weit her über den Acker heran oder war nur hinter dem nahen Gebüsch auf Spurensuche. Jedenfalls ist er wieder da und ich kraule ihm erleichtert das Fell: "Mein guter Hund!" Mit ihm sind allerdings oh Wunder auch alle anderen Gedanken wieder da, die ich eigentlich zu Hause wähnte, weil ich mich doch bei meinem Spaziergang nur auf diesen einen konzentrieren wollte. Es war wohl ein Trugschluss zu glauben, ich könne die eigenen Gedanken an anderen Orten lagern als ich mich selbst gerade bewege. Es sei denn – und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen – man hat einen solchen Hund wie den meinen, der mit wedelndem Schwanz und einem Blick als sei er auf große Abenteuer aus und auch völlig gewiss, ein solches beim Spaziergang mit mir zu erleben, alle mir lästigen, schweren, umtriebigen Gedanken auf sich nimmt, sie um die Kurve treibt, über den Acker jagt, hinter Gebüsch versteckt, nur damit ich mich auf den einen, sorgfältig ausgewählten Gedanken konzentrieren kann. Einen solchen Gedankenträger möchte ich allen wünschen!
(Ich wundere mich nun nicht mehr, dass mein Hund nach dem Spaziergang nur wenige Minuten braucht, bis er auf seiner Decke eingeschlafen ist. Mit fremden Gedanken Umgang zu haben oder sich auf einen einzigen zu konzentrieren, ist heutzutage harte Arbeit.).
Christoph Baumanns
Kommentar "Das Erste / Das Letzte", Betrifft: BBS (mehr zum Auftrag ...)
Barfuß übers Gras.
Immer das gleiche Problem: Welche Schuhe ziehe ich zum Morgenspaziergang an? Es gibt da einen wunderschönen Grasweg an Schrebergärten entlang, aber der ist morgens so nass, das er die Schuhe ruiniert. Heute kam dann endlich die Erleuchtung: Ich habe mir die Schuhe ausgezogen und bin barfuß übers Gras gegangen.
Geil, wirklich geil! Komisch nur, wieviel Wochen ich für diese naheliegende Lösung gebraucht habe. Nicht welche, sondern keine: Das Verfahren prüfe ich jetzt auch bei anderen Problemen!
Christoph Baumanns
Kommentar "DAS LETZTE", Betrifft: BBS (mehr zum Auftrag ...)
Wir haben einen Hund.
Eigentlich wollte ich nie einen. Als Kind hatte ich Angst vor Hunden und als Erwachsener keine Lust auf all die zusätzliche Arbeit und Pflege. Seit drei Monaten also haben wir diesen Hund, "Erol" mit Namen, ein knapp zweijähriger Schnauzermischling. Und ich muss sagen: ich konnte mich lange nicht mehr so an allem, was das Leben ausmacht, erfreuen. Ich bin zum Beispiel immer schon gerne spazierengegangen. Jetzt tue ich das auch dreimal am Tag. Das ist vor allem in der Morgendämmerung eine reine Wohltat. Ich arbeite besser. Ich schlafe besser. Ich lerne eine neue Sprache. Zum ersten Mal in meinem Leben kommuniziere ich ernsthaft mit einer Kreatur, die nicht Mensch ist: eine beeindruckende Erfahrung, die mich völlig begeistert lernen lässt.
Lernen – das heißt für mich ab sofort, nicht nur das Bestehende auszubauen, sondern auch immer wieder mit etwas Unbekanntem ganz neu anzufangen.
Christoph Baumanns
Kommentar "Das Erste", Betrifft: BBS (mehr zum Auftrag ...)
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